• Philipp Mertens

Ich geh dann mal Beten II: Erste Eindrücke vom Gebetshaus Augsburg

Seit etwas mehr als zwei Wochen bin ich jetzt hier in Augsburg im Gebetshaus. Wie ja bereits im ersten Post erwähnt, nutze ich die Zeit nach meiner Pastorenstelle der letzten drei Jahre zur Neuausrichtung - aber natürlich auch, um Neues zu lernen; und davon gibt es hier einiges, worüber ich heute berichten möchte - neben all dem Schnee, den wir fast durchgängig seit meiner Zeit hier haben.



Denn ich bin nicht einfach als Gast hier (für die ist das Gebetshaus Corona-bedingt verschlossen). Sondern ich tauche hier ein in der Rolle eines sog. “Volontärs“, sprich eines Freiwilligen, der im Grunde dasselbe “Programm“ durchläuft wie ein vollzeitlicher Gebetshaus-Missionar. Das bedeutet konkret:


A. 24 Stunden Gebet/Woche, verteilt auf sechs Tage, sprich meistens 4 Stunden am Tag. In meinem Fall ist das fast immer von 8 bis 12 Uhr (lediglich sonntags von 6 bis 10 Uhr). Ich bin also in der Morgenschicht. Jeder Tag ist nämlich in vier Schichten à sechs Stunden aufgeteilt: Morgenschicht (6 bis 12 Uhr), Tagesschicht (12 bis 18 Uhr), Abendschicht (18 bis 24 Uhr), Nachtschicht (0 bis 6 Uhr). Innerhalb jeder Schicht gibt es wiederum zwei Teilschichten, sodass man sich in den mittleren zwei Stunden jeder Schicht mit möglichst vielen Betern überlappt.


Das hat den inhaltlichen Hintergrund, dass in dieser Zeit meistens der Fürbitte-Block liegt. In Augsburg sind nämlich die sechs Stunden jeder Schicht in drei Blöcke unterteilt: Fürbitte (zu jeweils festen Themen), Lobpreis mit der Bibel (der Gebetsleiter und die Sänger meditieren idR über einen Bibelvers), Devotional/Webstream. Wer denkt, man könne die ganze Zeit über betend-meditierend im Gebetshaus sein, wird darum etwas “enttäuscht“ sein. Zwar beinhalten die Fürbitte- und Lobpreis-mit-der-Bibel-Zeiten auch ausgiebigen Lobpreis, doch kann es durch die Themen und/oder Bibelverse eben sehr fokussiert sein. Lediglich das Devotional (ruhige Live-Anbetungsmusik) bzw. der Webstream bieten Hintergrundmusik, die zum Soaken oder Journalen animieren. Das muss man einfach wissen, um nicht mit falschen Erwartungen herzukommen.


Ich für meinen Teil genieße die Devotional/Webstream-Zeiten, wo ich mir auch Gedanken zu meinen next steps machen kann. Gleichzeitig bin ich aber auch unendlich dankbar für die abwechslungsreichen Sessions innerhalb meiner Schicht - vier Stunden können nämlich ansonsten auch mal lang werden, besonders wenn Du ausschließlich ruhige Musik hast :-).


Was das Ganze nicht nur noch spannender macht, sondern mir außerdem tiefere Einblicke gibt, ist meine aktive Teilnahme als Gitarrist bei 3 Sessions der pro Woche. Denn dadurch nehme ich an Briefings und Debriefings teil, wo ich mehr Hintergrundinfos zu Abläufen etc. erhalte. Und ich lerne zumindest punktuell ein paar Menschen kennen, was ansonsten Corona-bedingt sehr schwierig ist. Man betet im Gebetsraum zwar zusammen, aber de facto hat man keine Interaktion miteinander, was sowohl dem social distancing als auch den drei Blöcken mit ihren festen Formen (Fürbitte, Lobpreis mit der Bibel, Devotional) geschuldet ist.


Man mag über diese drei festen Formen unterschiedlich denken; ich bin jedenfalls dankbar für neue Kommunikations-Möglichkeiten in meiner Beziehung zu Gott, die ich hier erleben und erlernen darf. Auf den ersten Blick wirken für manchen vier Stunden im Gebet ja lang. Doch teilweise verfliegt die Zeit regelrecht. Ich habe noch nie so viel in meiner Gebetssprache gebetet wie hier, was einen ganz grundlegenden Unterschied macht. Dann entdecke und etabliere ich eine Regelmäßigkeit im eher meditativen Lesen der Bibel. Ganz besonders erfreulich ist für mich dabei, dass ich dies speziell anhand der Psalmen erlebe, die mir bisher immer eher nicht so zugänglich waren. Und natürlich geben mir die Fürbitte- und Lobpreis-mit-der-Bibel-Zeiten viele neue Impulse, was auch mit dem sog. Ansatz von “Harp and Bowl“ (dt. “Harfe und Schale“) zu tun hat; hierbei wechseln sich Lobpreis und Fürbitte ab, sodass Themen oftmals nicht so schwerfällig oder gar monoton umbetet werden müssen (mehr zu “Harp and Bowl“, das ursprünglich vom “International House of Prayer“ in Kansas City kommt, findet man zB bei Rainer Harter).


B. Neben dem eigentlichen Gebet investiert sich normalerweise jeder Gebetshausmissionar (und somit auch wir Volontäre) für zehn Stunden pro Woche in einen festen Dienst. Corona-bedingt sieht das allerdings gerade anders aus. Denn eigentlich bin ich im Café eingeteilt, sprich Kaffee Kochen, Menschen bedienen usw. Nun mussten wir allerdings am Tag meiner ersten regulären Schicht das Café schließen, sodass derzeitig außer Putzen wenig zu tun ist. Das gibt mir immerhin die Möglichkeit, mal in andere Gebetsschichten reinzuschauen. Denn natürlich prägen Menschen das Geschehen, so auch die unterschiedlichen Schichten. Kommenden Freitag zB möchte ich mal mit in die Nachtschicht von 0 bis 4 Uhr, in der auch meine Mitbewohnerin ist.



C. Schließlich sind da (neben zwei Volontärstreffen pro Woche à zwei Stunden) noch Mitarbeiter-Treffen und Gebetszeiten der ca. 45 Gebetshausmissionare und uns sechs Volontären (logischerweise Corona-konform, teils über Zoom). ZB wurde ich am ersten Dienstag meines Dienstes hier von und vor der großen Gruppe (aus der Distanz) eingesegnet, was ich trotz aller Abstände als sehr kraftvoll empfand und sogar ein paar prophetische Eindrücke erhielt. Außerdem werden hier grundlegende Infos geteilt, nicht nur organisatorischer Natur (wie zB im Nachgang vom “Dinner for the One“), sondern auch prophetische Worte.


Von außen betrachtet und auch nach der ersten Zeit hier war mir nicht so ganz klar, ob sich das Gebetshaus in irgendeiner Form mit der prophetischen Bewegung identifiziert oder nicht, die von ihrem Grundanliegen her danach fragt, was Gott zu dieser Zeit in Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum tun will. Mittlerweile habe ich aber ein paar Aspekte diesbezüglich entdeckt und vernommen, was Spannung nach mehr davon in mir auslöst; hoffentlich höre ich dazu noch etwas mehr. Jedenfalls wird Christiane Hammer, die Teil des Leitungsteams des Gebetshauses ist, am kommenden Samstag beim Prophetentag von Kingdom Impact dabei sein.



Aber warum betet man überhaupt 24/7 - sprich 24h/Tag, 7 Tage/Woche und 365 Tage/Jahr seit mittlerweile fast zehn Jahren - wie das hier in Augsburg der Fall ist? Woher kommt der Gedanke an Gebetshäuser, wenn doch der physische Tempel im Christentum abgeschafft ist, weil wir Christen zum Tempel des Heiligen Geistes und damit Gottes Gegenwart geworden sind? Auf diese Frage werde ich beim nächsten Mal etwas näher eingehen.