• Philipp Mertens

Leadership Learnings 101, Lektion 3: Kenne Deine Werte, Vision und Kultur!

Eine der selbstverständlichsten und intuitivsten Fragen, die man im Vorfeld als potentielle Führungskraft/Verantwortungsträger abgleicht, ist der “Fit” - also zu deutsch, ob man zur Gemeinde/Organisation passt. Versteht sich von selbst und tut man bei jeder anderen Stellenausschreibung ebenso.


Im christlich-kirchlichen Sektor kommt eine Ebene zu den ansonsten in der Businesswelt auch üblichen dazu, und zwar die der Theologie: Stimmen meine theologischen Überzeugungen mit denen der Kirche/Organisation überein? Früher war dies ganz “natürlich” dadurch gegeben, dass man klar voneinander getrennte Konfessionen bzw. Denominationen hatte: Evangelisch vs. katholisch, pietistisch vs. charismatisch, um mal ein paar Stereotypen aufzuzeigen. Natürlich fällt diese Ebene heutzutage nicht weg, aber sie ist deutlich aufgeweichter als noch vor bspw. 30 Jahren. So trifft man problemlos auf katholische Charismatiker oder Protestanten, die Erwachsenentaufen praktizieren usw. Diese theologische Ebene lässt sich im Vorfeld noch verhältnismäßig gut einschätzen und abklopfen, ob das passt.


Wenn man sich eins der klassischen Leadership-Bücher schnappt, wird man außerdem mit dem Thema “Vision” konfrontiert. Spätestens seitdem Willowcreek im deutschsprachigen Raum den Gemeindebau prägt, ist das Thema in aller Munde: Ein Bild von Kirche bzw. der Organisation, wie ich mir das Ganze in 5, 10 oder 20 Jahren einmal vorstelle - ein inspirierendes Bild von der Zukunft, wo es also hingehen soll. Meinte man für eine sehr lange Zeit, dass doch alle Kirchen (weil ja sowieso als der eine Leib Christi zusammengehörig) dieselbe Vision haben müssten, wird uns immer klarer, dass


a) Theologie die Vision entscheidend prägt: Meine Theologie definiert idR meine Motivation. Abhängig von diversen Faktoren (Alter, Geschlecht, Kultur, Prägung uvm.) lege ich den Fokus womöglich auf den Missionsauftrag aus Mt 28,19f. und fokussiere Evangelisation, Outreach und Mission, während jemand anderes behaupten könnte, dass doch bei Jesus das Reich Gottes im Mittelpunkt gestanden habe (vgl. Mk 1,15; Mt 6,33); und je nachdem füllt jemand anderes den Begriff “Reich Gottes” auch noch ganz anders als ich. Und jemand Drittes stellt womöglich das höchste Gebot von Jesus als den Dreh- und Angelpunkt heraus, das sog. “Doppelgebot der Liebe”, Gott und Menschen gleichermaßen zu lieben (vgl. Mk 12,29-31) - also Beziehungen im Mittelpunkt. Daraus erwachsen gänzlich unterschiedliche Arten von Vision für Gemeinde. b) unterschiedlichen Kirchen unterschiedliche Teilaufträge von Gott erhalten haben. Es gibt viel zu tun in dieser Welt, das Leid ist groß, und nicht jeder sollte nur die gutbürgerliche Mittelschicht im Blick haben oder klassisch sonntags morgens Gottesdienst veranstalten.

Sollte in der potentiellen Kirchengemeinde bisher keine klar definierte Vision vorhanden sein, könnte man diese Frage natürlich in den Kanon an Fragen integrieren, über die ich beim letzten Post gesprochen habe. Doch selbst wenn eine Vision vorhanden ist, sollte man darüber sprechen. Denn Vision und Wirklichkeit gehen häufig auseinander; man hat zwar Wünsche, wer man gern wäre, doch nicht immer bildet das auch die Realität ab. Oder man findet auf der Homepage eine Vision vor, die mittlerweile als veraltet gilt. Zudem kann Sprache sehr unterschiedlich gemeint sein bzw. verstanden werden. Wie dem auch sei, darüber sollte man auf jeden Fall ins Gespräch kommen.

Soweit, so gut. Über diese Punkte (Theologie und Vision) lässt sich weitestgehen sachlich gut reden und schauen, ob man einen “Fit” hinkriegt. Das ist also der “leichtere” Teil. Was man aus der Businesswelt schon länger kennt und was auch endlich in der Gemeindewelt immer deutlicher ankommt, ist das, was man “Werte” und ”Kultur” nennt. Beides hängt unmittelbar zusammen, sprich Kultur: Symbole, Werte und Normen, Grundannahmen und so viel mehr. Konkret ausgedrückt: Was nimmt ein Gast als Erstes wahr, wenn er oder sie den Gottesdienst betritt? Während “Theologie” das darunter liegende Gedankenkonstrukt ist (das kann ich irgendwo nachlesen), ist “Kultur” samt “Werten” der gelebte und erlebte Faktor all dessen. Wenn ich also theologisch davon überzeugt bin, dass Gott heutzutage noch redet, kann das in der Praxis sehr unterschiedlich aussehen: Nach lutherischer Prägung soll man das Reden Gottes aus der Predigt entnehmen. In charismatischen Kreisen dagegen gibt es immer häufiger ein Gebetsteam, dass während oder nach dem Gottesdienst für Freiwillige betet und Eindrücke weitergibt, die Gott derjenigen Person womöglich zuruft. Und dann gibt es sogar Kirchen, bei denen man auf der Toilette oder im Bücherladen angesprochen wird, weil diese Person den Eindruck hatte, Gott habe zu ihr über mich gesprochen. Dieselbe theologische Überzeugung, aber völlig unterschiedlich ausgedrückt.

“Kultur” umfasst also die Art und Weise, wie man (“bei uns”, sprich in der potentiellen Gemeinde/Organisation) Dinge so tut. Das drückt sich in Sprache, Zeichen und Bildern (auch Klamottenstil), Abläufen, aber auch in der Art von Entscheidungsprozessen, Konfliktlösungen, Anforderungen an Leiter uvm. aus. Was ist mir/uns am allerwichtigsten? Das sollte zu bemerken sein. Aber auch: Welche charakterlichen Qualitäten setze ich zB bei Leuten voraus, die ich in mehr Verantwortung mit reinnehmen möchte? Ich persönlich wusste das bereits vor meinem Start als Pastor, habe das aber nicht niedergeschrieben, geschweige denn konsequent kommuniziert. So konnte ich umgekehrt nur sehr schwer denjenigen eine verständliche Grenze setzen, die eine Position wollten, aber meiner/unserer Einschätzung nach noch nicht reif dafür waren (geschweige lernen, in diese Position hineinzuwachsen).

Wenn Du vor Ort einen Realitäts-Check machst, kannst Du uU feststellen, dass Theologie und Kultur sehr weit auseinanderliegen können. Als ich meinen Dienst begann, herrschte in der dortigen Pfingstgemeinde, wie schon zuvor erwähnt, die Überzeugung vor, dass Gott heute noch heilen würde; das ist eine der Grundsäulen der Foursquare-Bewegung. Tatsächlich war der praktisch-ausgedrückte Glaube daran dort aber nicht so sehr verbreitet, denn als ich begann, über Gottes Heilungskraft zu predigen und öffentlich zu beten, verließen die Ersten die Gemeinde - Theologie und Kultur können sehr weit auseinanderliegen.

Von daher ist meine Empfehlung an Dich, schon vorab möglichst ausführlich zu überlegen, zu reflektieren und niederzuschreiben, wovon Du wirklich überzeugt bist. Das betrifft logischerweise theologische Überzeugungen, und zwar nicht bloß dogmatische Wahrheiten, die man in der Uni/Bibelschule mal gelernt hat. Die Bibel ist dick und enthält viele Wahrheiten - bei welchen Aspekten fängt Dein Herz besonders an zu Schlagen? Dann ist da aber auch die Frage, wie Du Gemeinde konkret leben möchtest - welche Werte, Überzeugungen und Kulturen. In der Fachsprache nennt man das “Dienstphilosophie”. Einer der Vorreiter auf diesem Gebiet, Robert Clinton, definiert “Dienstphilosophie” in seinem Standardwerk “The Making of a Leader” (2. Aufl. 2012) wie folgt:

“Ministry philosophy is the result of leadership emergence - the ideas, values, and principles whether implicit or explicit that a leader uses as guidelines for decision making, for excercising influence, or for evaluating ministry.” (157)


Genau das war aber eins meiner Hauptprobleme, als ich meine erste Pastorenstelle antrat: Mir fehlte eine niedergeschriebene Dienstphilosophie mit Werten, Überzeugungen und v.a. Kultur. Gar nicht so sehr Theologie oder nicht allein Theologie, sondern tatsächlich die Art und Weise, wie ich Dinge tue und was ich kultivieren möchte. Ich hatte alles mögliche in meinem Kopf, aber es war nirgends systematisch niedergeschrieben. Dadurch hatte ich nicht die Möglichkeit, den Leuten meiner Gemeinde aufzuzeigen, was wir hier auf welche Art und Weise tun. Für uns alle hätte das jedoch vieles vereinfacht, Missverständnisse und Konflikte wären uns allen zahlreich erspart geblieben.

Denn solch eine Dienstphilosophie ist wie ein Kompass. In dem altbekannten Sprichwort heißt es: “Viele Wege führen nach Rom.” Und genau so ist es auch beim Gemeindebau und Gemeindeleitung: Es existiert nicht die eine richtige Art von Gemeinde oder Gemeindeleitung. Trotz aller Berücksichtigung meiner Gemeinde, der dortigen Situation, dem kulturellen Umfeld usw. kann ich als Leiter immer nur das reproduzieren/kultivieren/bauen, was in mir steckt. Das transparent zu kommunizieren, ist für alle Beteiligten am einfachsten und fairsten; sich zu verbiegen, wird höchstwahrscheinlich auf längere Zeit nicht gut gehen und entweder Dich kaputt machen oder wie “Fake” rüberkommen. Selbst wenn zwei Gemeinden auf dem Papier eine geradezu identische Vision haben mögen, kann sich das völlig unterschiedlich darstellen und anfühlen. Gesagt hat mir das aber niemand, weder im Laufe meiner theologischen Ausbildungen noch in Vorbereitung auf den Gemeindedienst.

Die Anfertigung einer Dienstphilosophie frisst einiges an Zeit, erspart Dir aber enorm viel Ärger und gibt der Gemeinde/Organisation Orientierung. Wenn Du eine eigene Dienstphilosophie anfertigen willst (und auch ansonsten), empfehle ich Dir das Buch von Clinton, “The Making of a Leader” - gibt es übrigens auch auf deutsch. Im “Basistraining für Gemeindeleitung” (Leitertraining von Foursquare und dem Mühlheimer Verband), das ich letzten Herbst mitmachen durfte, hörte ich erstmals von dem Begriff der sog. “Sandbox” (dt. “Sandkasten”) - im Grunde eine Anwendung der Dienstphilosophie (Also Theologie, Werte und Kultur) auf einen bestimmten Arbeitsbereich der Gemeinde/Organisation, innerhalb dessen die jeweiligen Verantwortlichen sich ausprobieren, testen und einiges entwickeln können. Sozusagen ein abgesteckter Rahmen, der Partizipation ermöglicht, gleichzeitig aber genügend Klarheit bietet, damit nicht jeder Teilbereich der Organisation sein eigenes Süppchen kocht.

Wenn Du diese ersten beiden Aspekte (letzter Post und dieser) berücksichtigst, kann zwar immer noch superviel schiefgehen. Aber immerhin startest Du mit einem soliden Fundament, das Dich für den Rest Deines Lebens begleitet (und Du natürlich immer wieder anpasst, klar). Lektion Nummer vier dann beim nächsten Post.



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