• Philipp Mertens

Leadership Learnings 101, Lektion 4: Du BIST die Veränderung — selbst wenn Du nichts veränderst

Mit dem heutigen Post möchte ich den Grundtenor meines letzten Posts noch einmal aufgreifen und an einem entscheidenden Punkt vertiefen, weil mir der selbst einfach nicht klar sein wollte: Als neuer Pastor/Leiter/Hauptverantwortlicher bist Du als Person schon Veränderung genug – selbst wenn Du im ersten Jahr an Strukturen oder Programmen nichts änderst. Schon unbewusst bringst Du genügend Veränderungen im Umgang mit den Menschen mit, reagierst auf Deine Art auf Fehler, Schwierigkeiten, Konflikte etc. Überstrapaziere Deine Mitmenschen darum nicht auch noch durch bewusste Veränderungen zu früh oder zu schnell! Wenn man sich den Dreh- und Angelpunkt der meisten Kirchengemeinden anschaut – den Gottesdienst, idR sonntags —, es es doch so: Als neuer Pastor prägst Du die Atmosphäre maßgeblich, und zwar durch Deine Persönlichkeit und Ausstrahlung, Deine Predigtart und Predigtthemen, Deine Stärken und Schwächen.


Ich beispielsweise predige stark intellektuell und biblisch tiefschürfend, was einige Menschen meiner vormaligen Gemeinde ziemlich herausforderte; sie waren es schlicht nicht gewohnt. Dann verließ ein Paar innerhalb der ersten Wochen meiner Anwesenheit die Gemeinde, weil ich über Gottes übernatürliche Heilungskraft predigte und für Menschen betete - obwohl die Gemeinde zum Foursquare-Bund gehört, wo diese Thematik eine von vier Grundsäulen darstellt. Theoretisch also nicht so außergewöhnlich, aber anscheinend doch für manchen überraschend. Ich mit meiner Strickart und meiner Theologie war schon genügend Veränderung.


Es gibt eine mittlerweile bekannte Story (hab sie, glaub ich, das erste Mal im Kontext von Willowcreek gehört), wo ein ehemaliger Pastor in seine alte Gemeinde kommt. Ganz erstaunt blickt er auf die Bühne und stellt fest, dass das Piano nun – endlich – auf der anderen Seite steht. Genau das hat er probiert durchzuführen, ist aber kläglich gescheitert. Also fragt er seinen Nachfolger nach dessen Erfolgsrezept, der bloß erwidert: “Jeden Sonntag einen Zentimeter weiter, bis es am Ende auf der anderen Seite stand.”


Diese Story lehrt mich immer wieder, dass Veränderung möglich ist, aber unfassbar viel länger dauert, als ich es gern hätte. Man braucht für Veränderung einen langen Atem. Wenn Du den nicht hast, gründe lieber komplett neu. Dann hast Du zwar mit anderen Herausforderungen zu kämpfen, kannst aber immerhin von Neuem starten und Deine Richtung von vornherein klar einschlagen.


Warum Menschen mit Veränderungen solche Schwierigkeiten habe, erläutere ich in einem späteren Post noch ausführlicher. An dieser Stelle ein paar Gedanken vorab, die mir geholfen haben, das Ganze besser zu verstehen:


  1. In Kirche sind Beziehungen das A und O (in abgeschwächter Form gilt das aber auch für jede andere Organisation und dessen Gelingen und Zusammenhalt). John C. Maxwell definiert darum in seinem Ansatz von 5 Stufen von Leadership umgekehrt, dass die erste und damit unterste Stufe mit am wenigsten Autorität allein aus der Position resultiert: Ich bin Leader, weil mich jemand dort eingesetzt hat. Leute folgen mir aber nur, weil sie müssen. Klingt etwas dramatisch, aber trifft immer dann zu, wenn jemand von extern eingesetzt wird. Erst auf Stufe 2 wollen mir die Leute auch folgen, wenn sie mich besser kennen und sehen, dass ich vertrauenswürdig bin. Dadurch wächst meine Autorität und mein Einfluss. Beziehungsbau definiert Maxwell daher als das grundlegendste Element von Leadership. Beziehungsbau geschieht aber nicht über Nacht, sondern braucht Zeit, die man sich nehmen sollte. Je größer die Organisation, desto wichtiger ist strategischer Beziehungsbau. So oder so dauert es aber mindestens ein Jahr, um einen Überblick über die Kirche/Organisation zu erhalten, in größeren Settings schnell mal zwei Jahre.

  2. Menschen, die wie ich gestrickt sind, begnügen sich aber nicht mit Beziehungsbau allein, sondern wollen Dinge umsetzen. Hier kann vorsichtig Maxwells Stufe 3 dazutreten. Denn dort geht es um Ergebnisse und Produktivität. Auf dieser Stufe folgen Menschen zusätzlich, weil man etwas erreicht hat. Das müssen (bzw. sollen auch gar nicht) sofort die großen Sachen sein. Die Business-Welt kennt sog. “Quick Wins”, im Klartext: schneller Erfolg. Gibt es Dinge, die sich von Dir relativ schnell und einfach umsetzen lassen, aber einen echten Mehrwert für die Gemeinde/Organisation bringen oder sogar schon lange gewünscht sind? Ich konnte innerhalb der ersten zwei Monate das IGW-Studiencenter, das ich zuvor geleitet hatte, für die Gemeinderäume gewinnen, sodass Gemeindeleute einfach und schnell dort an Kursen teilnehmen konnten. Das brachte mir etwas an Rückenwind. Kleine Sache mit Effekt.

  3. Ganz eng verbunden mit Deiner Theologie und auch den Werten, die Du hoffentlich schon mitbringst, ist die Kultur, die Du lebst. Auch darüber wirst Du prägen und Veränderung bringen. Dies kannst Du auch frühzeitig sehr bewusst angehen, wenn Du weißt, welche Aspekte der Kultur Dir besonders wichtig sind. Predigtreihen und sonstige Kommunikationskanäle nutzt Du dann, um Deinen inhaltlichen Schwerpunkt zu setzen. Im Grunde ist das ja auch eine der Erwartungen an einen neuen Pastor, in Predigten seinen Herzschlag rüberzubringen. Aber es ist auch essentiell, dass Du die Kultur prägst, bevor Du auch strukturelle Konsequenzen ziehst. Zwar hängt beides zusammen, und Strukturen sollen immer Vision, Mission und Kultur unterstützen und praktisch werden lassen. Aber wenn die Menschen schon mal ein Gefühl davon haben, wohin Du möchtest, ist der Wechsel zu konsequenten Neuerungen der Strukturen (Programme, Verantwortlichkeiten, Arbeitsbereiche) besser nachvollziehbar.

Alles in allem brich nichts übers Knie! Lass Dich auch nicht von scheinbaren Notwendigkeiten unter Druck setzen, Du müsstest unbedingt schon in den ersten Monaten wichtige Entscheidungen treffen. Genau damit bin ich auf die Nase gefallen. Den Ärger möchte ich Dir ersparen. Also erstmal ankommen und Beziehungen bauen, gegebenenfalls Quick Wins. Aber keine zusätzlichen Veränderungen – denn Du bist die Veränderung.



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