• Philipp Mertens

Leadership Learnings 101, Lektion 5.1: Warum überhaupt Veränderung?

Vor einigen Jahren kam ein Ehepaar um die 50 auf mich zu – beide im Business tätig, seit ein paar Jahren intensiver mit Gott unterwegs. Ich war erst ein paar Monate in der Gemeinde und hatte Veränderungen im Gottesdienst angestoßen, die nicht nur aus meiner Sicht nötig erschienen. Im Nachgang würde ich sagen, dass ich definitiv zu wenig über die Gründe für diese Veränderungen gesprochen hatte, jedenfalls teilten sie ihr Herz mit mir dazu: In der Welt verändere sich so viel und so schnell, dass die Kirche bis dato ihr letzter Ruhepol gewesen sei; das falle aber nun (aufgrund besagter Veränderungen) weg. Trotz einiger Gespräche und Klärungen verließen sie letztlich die Gemeinde.


Fälle wie diese werfen berechtigterweise die Frage auf, warum sich Kirche überhaupt verändern muss. Sollte sie nicht gerade in Zeiten von Globalisierung, Flüchtlingswellen und Pandemien die letzte Bastion in Sachen Stabilität darstellen? Als guter Leader muss ich darauf gute Antworten liefern, damit Menschen nicht nur intellektuell, sondern insbesondere in ihren Emotionen verstehen, warum all dieser Aufwand für Veränderungen unumgänglich ist. Solange es theoretisch nachvollziehbar ist, können die meisten Menschen neuen Plänen zustimmen. Doch sobald sie selbst direkt betroffen sind, nagt es an den Emotionen; dort werden die eigentlichen Entscheidungen getroffen. Und dann lässt der Widerstand nicht lange auf sich warten.


Warum braucht Kirche also Veränderungen? Ist Jesus Christus nicht derselbe – gestern, heute und in Ewigkeit (Hebr 13,8)? Ähnliche Begründungen höre ich immer mal wieder.

So nachvollziehbar dieser Bibelvers als Begründung wirkt, so verfehlt ist er leider auch. Denn mit einem Blick in die Bibel wird sehr schnell deutlich, dass Gott sich zwar nicht grundsätzlich verändert, Er sich aber zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlich Facetten zeigt. Schon im ersten Buch der Bibel, Genesis, finden wir Gott mit unterschiedlichen Namen betitelt, die unterschiedliche Charakterzüge zum Ausdruck bringen (vgl. Gen 4,26; 14,18-20; 24,7; vgl. auch Ex 6,2). Am deutlichsten wird es schließlich in Gal 4,4:


“Aber als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn. Er wurde von einer Frau geboren und war dem Gesetz unterstellt.“


Gott selbst handelt zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedlicher Art und Weise, und darauf müssen wir reagieren. Schon in Gott selbst und Seinen Plänen ist also Veränderung verankert.


Die andere Seite der Medaille finden wir in der Forderung der Reformatoren des 16. Jahrhunderts, dass Kirche konstant verändert/reformiert werden müsse (“ecclesia semper reformanda est”): Es geht um die menschliche Seite.


Luther und co. hatten insbesondere Fehlentwicklungen im Blick, die sie korrigieren wollten: Die Trennung zwischen Geistlichen und Laien, die Unfehlbarkeit des Papstes und den Ablasshandel konfrontierten sie mit der Gnade in Jesus Christus und der Zentralität der Bibel. Im 21. Jahrhundert ist es meiner Ansicht nach hauptsächlich das, was durch die pfingstlich-charismatische Bewegung wiederentdeckt worden ist, u.a.:

  • Sog. missionale bzw. apostolische Impulse: Der Kerngedanke der sog. “missionalen Bewegung” ist der, dass Gott ein sendender Gott ist und Anteil an dieser Welt hat, indem Er zunächst Seinen Sohn Jesus Christus gesandt hat (vgl. Joh 1, bes. 1,14). Jesus hat wiederum uns, die Ihm nachfolgen, in diese Welt gesandt (vgl. Mt 28,19f., Mk 16,15ff., Joh 20,21). Praktisch bedeutet das, dass wir Christen uns nicht hinter unsere Kirchenmauern zurückziehen sollen, sondern Jesus dort repräsentieren, wo wir natürlicherweise sind (in unserer Familie, Job und wir uns mit Freunden treffen oder Hobbies ausleben) – eben in die “Welt”. Einer der Vorreiter im englischsprachigen Raum ist Alan Hirsch, in Deutschland insbesondere Johannes Reimer. In pfingstlich-charismatischen Kreisen sind ähnliche Gedanken unter dem Begriff der “apostolischen Wende” und sieben beeinflussbaren Sphären der Gesellschaft (Wirtschaft, Politik, Presse/Medien, Kunst & Kultur, Bildung, Familie, Religion) bekannt geworden. Mehr zu den sieben Sphären findet man beispielsweise bei Jonny Enlow; Ed Silvoso hat etliche gute Bücher über das Apostolische und Städtetransformation verfasst. In Deutschland ist Stefan Vatters Buch “Finden, Fördern, Freisetzen” eines der Pionierprojekte.

  • Der fünffältige Dienst: Engstens verbunden mit der missional-apostolischen Wende ist die Wiederentdeckung des sog. “fünffältigen Dienstes” aus Eph 4,11f.: “Und Gott selbst gab den Heiligen (= den Christen) die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten (= Pastoren) und Lehrer, damit die Heiligen zum Werk des Dienstes zugerüstet werden. Dadurch soll der Leib Christi (= die Kirche) aufgebaut werden.“ Während wir den Pastor traditionellerweise als Leiter der Kirche kennen, besagt der fünffältige Dienst, dass es fünf unterschiedliche Leitungstypen gibt: Apostel, Propheten, Evangelisten, Pastoren und Lehrer. Die haben wiederum mit ihrem jeweils spezifischen Profil die Aufgabe, den Rest der Christen zu trainieren (vgl. Eph 4,13ff.). Mit Blick auf Eph 2,19 wird deutlich, dass die letztgültige Leitung der Gemeinde dabei den Aposteln und Propheten als deren Fundament obliegt. Erst dann funktioniert auch die gerade thematisierte sendende Bewegung in die Gesellschaft hinein. Siehe dazu beispielsweise Danny Silk.

  • Die Vaterherz Gottes Bewegung: Spätestens im Zuge der Ausgießung des Heiligen Geistes 1994 in Toronto, infolge dessen der sog. “Toronto-Segen” die gesamte Welt erreicht, wird auch Gott als bedingungslos liebender Vater zu einem neuen Fundament des Glaubens. Bei Luther und co. war es die erlösende Gnade durch Jesus Christus, infolge der pfingstlich-charismatischen Bewegung die Kraft des Heiligen Geistes (s.u.). Und mit Toronto ist Gott als Vater, wie wir Ihn u.a. im Vergleich mit dem Vater des verlorenen Sohnes in Lk 15 vorfinden. Erst mit diesem Glaubensfundament kann ungesund-religiöses Denken überwunden werden. Mehr dazu findet man u.a. bei Heidi Baker oder Leif Hetland.

  • Die Kraft des Heiligen Geistes und der Fokus auf die Gegenwart Gottes: Um effektiv innerlich verändert zu werden – in das Bild, zu dem Gott uns ursprünglich gemacht hat – und andere mit in diese Veränderung hineinzunehmen, braucht es mehr als Begnadigung vor Gott, wie sie die Reformatoren wiederentdeckten. Die Gute Nachricht bzw. die Gnade Gottes ist darum nicht einfach ein juristischer Freispruch, sondern eine Kraft (vgl. Röm 1,16). Sie ist unmittelbar verbunden mit der Person des Heiligen Geistes, der in uns Christen lebt (vgl. Joh 20,22; Apg 1,8) und uns von innen her kontinuierlich neu machen will (vgl. Joh 15,1; Röm 8; Gal 5,16ff.; Eph 1,19; Kol 1,27). Aber nicht allein das, sondern der Heilige Geist gibt auch besondere Befähigungen, sog. “Geistesgaben”. Dazu gehören Dinge wie Leadership oder Durchblick, aber auch für uns eher ungewöhnliche Fähigkeiten wie übernatürliche Heilung, Befreiung von Dämonen und unterschiedlichen Formen von Einsichten von Gott her. Der Schlüssel für die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in und durch uns liegt letztlich in Seiner Gegenwart und unserer Verfügbarkeit für Ihm: Beim Christsein, bei Kirche und Gottesdiensten geht es also nicht um Programme, sondern um die Begegnung und das Einssein mit diesem lebendigen Gott. Bill Johnsons Buch “Und der Himmel bricht herein” ist mittlerweile ein Klassiker. In Sachen innerer Veränderungsprozesse ist mir außerdem Beth Barone seit einigen Jahren eine riesige Hilfe geworden.

Das einfach mal als ein paar theologische Grundsatzthemen, die Kirche grundlegend reformieren müssen. Im nächsten Teil-Post dieser fünften Lektion werden ein paar Gedanken über nötige Veränderung folgen, die stärker mit Kultur und Organisationsentwicklung zu tun haben.



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