• Philipp Mertens

Leadership Learnings 101, Lektion 1: Was heißt “Leitung“?

Aktualisiert: Mai 5

Wie ja schon im ersten Post angekündigt, möchte ich meine Leitungs-Erfahrungen der letzten Jahre (v.a. die als Pastor) für mich reflektieren und hoffe, dass es dem ein oder der anderen dabei hilft, nicht unbedingt dieselben Fehler wie ich zu machen.


Vielleicht hängst Du aber auch an der Frage: Bin ich überhaupt ein Leiter? Darum soll es heute erst einmal gehen.


Um eine Antwort darauf zufinden, muss ich zunächst einmal klären, wie ich “Leitung“ definiere. Denn daran entscheidet sich sehr viel. Noch Ende letzten Jahres bekam ich zu hören, ich sei ja eigentlich kein “Leiter“. Wirkte erstmal wie ein Schlag in die Magengrube, zumal das eine ganze Reihe von Menschen und meine bisherige Biographie ganz anders sehen. Und trotzdem bleibt da etwas hängen. Wie komme ich aber aus diesem Dilemma - bzw. mancher einer zu diesem Urteil? Ich behaupte, es hängt damit zusammenhängen, dass Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen von “Leitung“ haben.


Befragt man einen Leadership-Guru wie John C. Maxwell zur Definition von “Leitung“ (engl. “leadership“, was fälschlicherweise in christlichen Kreisen häufig mit “Leiterschaft“ übersetzt wird), bekommt man als Antwort: Leitung ist nicht mehr und nicht weniger als Einfluss - zB nachzulesen in Maxwells “21 irrefutable laws of leadership“.


Diese recht elementare Definition von “Leitung“ gefällt mir insofern, als dass sie “Leitung“ weder notwendigerweise megahoch hängt noch auf nur ein paar wenige ausgewählte Rollen bzw. Positionen zuspitzt. Vielmehr bringt diese Definition im Kern etwas sehr Wahres zum Ausdruck: Jede/r, der/die irgendwo Einfluss auf Menschen ausübt - bewusst oder unbewusst, positiv oder negativ -, leitet diese Menschen in eine bestimmte Richtung. Klar, Voraussetzung dafür ist, dass Menschen irgendwie folgen.


Demzufolge leiten auch Eltern ihre Kinder (mit denen sie zusammenleben), Lehrer/innen ihre Schüler, Chefs ihre Angestellten und natürlich Pastoren ihre Schäfchen. Worin sich Leitende nach dieser Definition unterscheiden, ist also vornehmlich:

a) Ergreife ich meine Leitung bewusst? Anders gesagt: Übernehme ich Verantwortung? Fördere ich meine Mitarbeiter oder sehe ich sie lediglich als menschliche Ressource, wie der Titel “human resources“ es ja suggeriert? Werte und Überzeugungen, die mein Denken, Fühlen und Verhalten prägen, spielen dabei eine äußerst große Rolle. Denn was ich bin, multipliziere ich in die Personen hinein, die ich beeinflusse.

b) Auf wie viele Menschen nehme ich Einfluss? Unterbewusst kommen viele von uns mit der Vorstellung daher, dass ein richtiger Leiter halt viele Menschen leiten müsste. Aber was heißt “viele“? Wie viele Menschen hat Jesus eigentlich geleitet? Im engsten Kreis sind es zwölf Personen gewsen (bzw. ganz eng ist Er mit dreien gewesen). Dann sind noch größere Kreise von 70 bis 120 Personen gewesen und überdies große Menschenmengen. Je näher sie Ihm gestanden haben, desto bewusster hat Jesus die Menschen um sich beeinflusst. Und so ist Jesus der wohl größte Leiter gewesen, der jemals gelebt hat, weil Er mehr Menschen beeinflusst hat alles andere anderen vor oder nach Ihm. Und das bringt mich zum dritten Punkt:

c) Auf welche Art nehme ich Einfluss? Diejenigen Menschen, die mich oder Dich in eine Box als Leiter/Nicht-Leiter stecken, haben aller Wahrscheinlichkeit eine sehr klare Vorstellung davon, was ein Leiter ist oder zu leisten hat. Anders lässt sich das oben genannte Dilemma für mich nicht lösen.

Ich sehe darin zwei Hauptgründe für Enttäuschungen mit bzw. gegenüber Leitung, die beide mit Erwartungen zu tun haben: Einerseits Erwartungen aufgrund einer bestimmten Rollenvorstellung - in meinem Fall: Ein Pastor muss dieses und jenes tun, zB alle seine Schäfchen kennen (alle 250???), für Gespräche zur Verfügung stehen, predigen, trösten, Vision entwickeln; und am besten alles in höchster Qualität.


Andererseits entstehen da Erwartungen, weil ich als Geleitete/r bestimmte Bedürfnisse habe, die in meiner Persönlichkeit begründet sind und je nach Reifegrad auf andere übertrage. Mal ganz schematisch: Die beziehungsorientierten Menschen sehnen sich eher nach einem Pastor, der sie sieht; ein faktenorientierter Typ will Predigten in höchster Qualität und theologischer Tiefe; ein zielorientierter Mensch möchte möglichst schnell wissen, wie die Vision ist und wo es hingeht; und dann soll es auch alles noch unterhaltsam sein. Der springende Punkt ist doch: Wie nicht jeder Mensch identisch ist, so kann auch nicht jede/r Leiter/in identisch sein, sei es in Sachen Persönlichkeit, sei es in Sachen Gaben und Berufung.


Wenn wir uns nochmal Jesus anschauen, stellen wir fest, dass Er in unterschiedlicher Situation ganz unterschiedlichen Einfluss ausübte: In einer Situation hat Er durch eine wundersame Brotvermehrung mehr als 6000 Menschen verköstigt, nachdem Er den ganzen Tag lang über den Gott Israels geteacht hatte (vgl. Mk 6,33ff.). Was ich dagegen bei Jesus so gut wie gar nicht entdecke, ist die klassische Pastoren-Rolle, wie sie heutzutage so üblich ist - ich denke zB an Seelsorge, Menschen hinterher-telefonieren, Gabentests machen und sie “freisetzen“. Interessant, oder?


Nicht, dass das in sich schlechte Dinge wären. Aber Jesus hat sich meines Empfindens nach eben nicht in eine Box packen lassen. Er hat einen klaren Plan gehabt und nur den Willen des Vaters getan (vgl. Joh 5,19), nämlich die Herrschaft Gottes auszubreiten: Durch Predigten, durch Heilungen und Wunder - und dadurch, mit einer Handvoll von Menschen besonders intensiv unterwegs zu sein.


Auch bei Paulus stelle ich fest, dass er ebenfalls durch Predigten, Zeichen und Wunder und natürlich sein Vorbild (vgl. zB 1 Kor 11,1 oder Phil 3,17) Menschen zunächst für Jesus und die Herrschaft Gottes begeistert hat. Schnell bilden sich Gemeinden vor Ort, mit denen er teils länger unterwegs ist (so zB in Ephesus; vgl. Apg 19,10), teils nur sehr kurz (so zB in Thessaloniki, vgl. Apg 17,1-10). Wie nachhaltig sein Einfluss in den Gemeinden gewesen ist, lässt sich natürlich nicht mehr nachzeichnen. Was aber mit Blick auf die letzten 2000 Jahre klar ist, dass seine Briefe einen unfassbar großen Einfluss auf die gesamte Welt genommen haben. Ohne die anfänglichen Gemeinden vor Ort wären die Briefe wohl nie überliefert worden und damit nicht Bestandteil unserer heutigen Bibel. Doch - und das ist der Punkt, auf den ich hinaus möchte - mancher einer übt als Leiter seinen Einfluss zumindest mittel- bis langfristig erst durch schriftliche Hinterlassenschaften aus, zB Augustin oder Karl Barth. Mancher einer übt sogar erst posthum seinen vollen Einfluss aus; ich denke an Dietrich Bonhoeffer, der vom Großteil seiner Kollegen eher belächelt oder gar angefeindet worden ist, doch im Nachgang dann immensen Einfluss auszuübt.


Klar kann man diskutieren, ob es nicht eine Grenze zwischen Beeinflussung und Leitung gibt. Ich denke an einen viel geklickten Influencer. Beeinflusst er oder sie seine/ihre Follower nur oder leitet er auch, indem er oder sie bewusst Verantwortung übernimmt? Somit kann man durchaus zwischen einem engeren und einem weiteren Verständnis von Leitung als Einfluss sprechen. Ist aber nicht mein eigentlicher Punkt an dieser Stelle, sondern vielmehr:


Ist der Kapitän eines Schiffes, der den Kurs herausfindet und absteckt, nun der wahre Leiter oder derjenige, der den Kurs an die Mannschaft kommuniziert oder derjenige, der sich um das Wohlbefinden der Mannschaft kümmert? Der Vergleich ist wie zwischen Äpfeln und Birnen. Alle drei sind gleichermaßen wichtig. Je nach Typus Mensch und je nach Berufung können sie ihren Einfluss somit sehr unterschiedlich ausüben. Das hängt logischerweise auch mit dem Anforderungsprofil zusammen, in das sie hineingestellt sind. Nachfolgend daher einfach mal ein paar Ebenen, die mich als Gemeindeleiter und Pastor allesamt betroffen haben. Logisch, dass niemand auf allen Ebenen gleichermaßen gut sein kann. Gott hat uns ja fürs Miteinander und damit für die Ergänzung geschaffen:


- Vision: Wo soll das persönliche Leben, das Unternehmen, die Kirche, die Familie hingehen?

- Werte & Überzeugungen: Die Vision ist maßgeblich davon geprägt, aus welchen Überzeugungen heraus ich tue, was ich tue

- Gegenwartsanalyse: Nicht jede Vision passt in jede Zeit. Sich bspw. in Zeiten von Corona als Künstler selbständig zu machen, wäre nicht sehr weise. Auch spielt (zumindest für Christen) das Reden Gottes eine entscheidende Rolle zu hören, ob das jetzt gerade dran ist, was ich auf dem Herzen habe

- Strategie: Wenn ich die Vision habe, wie komme ich möglichst effektiv zum Ziel?

- Kommunikation: Wenn Menschen an meiner Vision beteiligt sind, muss ich sie mitnehmen, allem voran durch gute Kommunikation

- Management & Organisation: Gerade bei einer größeren Vision bzw. längeren Strategieprozessen sind wohl durchdachte Arbeitsabläufe und hilfreiche Tools in der Umsetzung Gold wert

- Fürsorge fürs Team: Menschen wollen gesehen werden; geht’s ihnen gut? Entwickeln sie sich weiter?


(Zur Erklärung: Selbstleitung ist für viele das Wichtigste bzw. der Anfangspunkt, weil ich immer nur das multipliziere, was ich selbst in mir kultiviert habe. Bei mir fängt alles an; darum beginnen viele Leadership-Bücher mit dieser Ebene. Ich habe sie in diesem Zusammenhang bewusst in die oben erwähnten Themenfelder mit integriert, da ich durch einige Prozesse zunächst selbst muss, bevor ich hinterher andere mitnehmen kann. Wenn ich bspw. nicht weiß, wo es hingeht, kann ich andere auch nicht mitnehmen.)


Abschließend meine Empfehlung an Dich: Lass Dich nicht in eine Box packen! Finde heraus, was Gott an Stärken und Begabungen und an Berufung in Dich hineingelegt hat. Dann beginn, das mit einem dienenden Herzen dort einzubringen, wo Du gerade bist - ob in Deiner Familie, Deiner Kirchengemeinde, Deiner Arbeitsstelle oder wo auch immer. Dabei bleib demütig und höre auf diejenigen, die schon weiter auf dieser Reise sind. Und wenn Du bereit bist, mit dienendem Herzen Verantwortung zu übernehmen, wird Dein Einfluss zunehmen - und Du beginnst zu leiten. Denn Leitung ist nicht in erster Linie ein “hab ich oder hab ich nicht“, sondern man kann, darf und soll dort hineinwachsen. Ich würde sogar behaupten, dass es ein ganz natürlicher Prozess von Jesus-Nachfolge ist, wenn wir Ihm ähnlicher werden wollen: Dann übernehme ich früher oder später Verantwortung. Das bedeutet: In jedem von uns steckt das Herz eines Leiters bzw. einer Leiterin - auch in Dir! Fang einfach an, das mit dem Heiligen Geist zu ergründen.



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