• Philipp Mertens

Trump und die falschen Vorhersagen

Aktualisiert: Jan 17

Besonders die Ereignisse der letzten Wochen und Tage haben mich dazu bewogen, ein paar lose Gedanken hinsichtlich der Masse prophetischen Stimmen zu formulieren, die allesamt daneben lagen, was Trumps Wiederwahl betraf. Ich möchte nicht über Trump diskutieren; er ist im Grunde lediglich Kristallisationspunkt für das, worüber ich nachdenken möchte (was nicht heißt, dass ich natürlich nicht auch meine Fragen an Trump selbst habe; aber wie gesagt, das ist nicht mein Punkt).


Wer sich mit der internationalen christlich-charismatischen Szene auseinandersetzt, wird früher oder später auch mit der prophetischen Bewegung in Berührung kommen. Was meine ich damit? Als “prophetische Bewegung“ bezeichne ich die Gruppe an christlichen Leitern, die a) davon überzeugt sind, dass Gott heutzutage noch redet, und zwar sehr konkret in konkrete Situationen hinein. Und b) unter denen Menschen mit einer besonderen Begabung einen großen Einfluss haben, die Gottes Reden für konkrete Situationen hören und dies dann auch (idR öffentlich, auch über YouTube) kommunizieren.


Eine biblisches Paradebeispiel dazu finden wir in Apg 11,27-28:


“Zu dieser Zeit kamen Propheten von Jerusam nach Antiochia. Einer von ihnen hieß Agabus. Mit einer Ankündigung, die vom Heiligen Geist kam, trat er vor die Gemeinde: ’Eine große Hungersnot wird über die ganze Erde kommen!’ So geschah es dann auch während der Regierungszeit von Klaudius.“


In Anknüpfung an besagten Agabus oder auch die alttestamentlichen Propheten (wie zB Jesaja, Daniel, Amos usw.) werden Menschen ebendieser Funktion, Gottes Reden in eine konkrete Situation hineinzusprechen, heutzutage ebenfalls als “Propheten“ bezeichnet. Denn das griechische Wort dahinter (προφημι) bedeutet “vorher sagen“ und gleichermaßen “für sagen“: Der Prophet spricht also für Gott vor einer Gruppe von Menschen das aus, was Gott vorher gesagt hat - das kann sowohl etwas sein, das die Zukunft betrifft (s.o.), als auch Gottes Perspektive in eine spezifische gegenwärtige Situation (wie zB der Prophet Nathan den König David seines Unrechts überführt; vgl. 2 Sam 12).


Infolge der weltweiten charismatischen Erneuerung (ab den 1960er Jahren) nimmt der Stellenwert des Heiligen Geistes wie auch Seine Gaben eine immer stärkere Rolle ein, so auch das prophetische Reden. Die Bibel selbst ermutigt uns Christen ja dazu, sich nach den Geistesgaben auszustrecken, besonders dem prophetischen Reden (vgl. 1 Kor 14,1). Und so erhält auch diese Begabung immer mehr Einfluss unter den charismatischen Christen, sodass sich (spätestens) ab den 1980er Jahren Einzelpersonen herauskristallisieren, die eine besondere Begabung und Berufung haben, in die Kirchen und in die Welt Gottes aktuelles und konkretes Reden hineinzusprechen (vgl. auch Eph 4,11f. dazu). Die prophetische Bewegung ist “geboren“. Vorreiter sind u.a. Bob Jones, Bill Hamon, Larry Randolph, James Goll und Mike Bickle.


Auch hier wie überall gibt es ungesunde Entwicklungen, sodass immer wieder mal berechtigte Kritik auftaucht. Doch scheint sich die nicht so recht durchzusetzen. Denn spätestens nachdem etliche der prominenten prophetischen Stimmen fälschlicherweise Trumps Wiederwahl prophezeit haben, muss man sich die Frage stellen, auf welchem Fundament die prophetische Bewegung und ihre Vorreiter stehen, was sie motiviert und wie viel davon tatsächlich von Gott kommt. Denn natürlich ist auch mithilfe von YouTube, Konferenzen und Büchern die deutsche christliche Szene massiv von Menschen wie James Goll und Mike Bickle beeinflusst, sodass wir uns nicht davon abschotten könnten (oder sollten).


Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Ziel kann meiner Ansicht nach nicht sein, das Prophetische kategorisch auszumerzen; das wäre wie, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Die Bibel ist klar darüber, wie wichtig das Prophetische ist (und so wünsche ich mir viel stärker noch gesunde prophetische Stimmen aus dem deutschsprachigen Raum - aber das wäre jetzt ein anderes Thema). Immer wieder ist die Rede von sog. “Kairos-Momenten“, zB Gal 4,4: “Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn in die Welt…“


Nicht jede Zeit ist dieselbe, sondern zu unterschiedlichen Zeiten sind unterschiedliche Dinge dran. Und genau in diese Zeiten will Gott hineinsprechen.


Aber was augenscheinlich fehlt, ist die Anwendung der biblischen Maßstäbe, wie wir sie zB in 1 Thess 5,21 finden: “Prüft alles, und das Gute behaltet!“ Es bräuchte also eine Art Qualitätssicherung. Aus den eigenen Reihen hat darum Patricia King dazu ein paar sehr produktive, kritische Gedanken geäußert (und auch von Kynan Bridges habe ich jüngst ein paar Gedanken dazu gefunden):



In diesem Sinne würde ich mir von einer prominenten prophetischen Stimme wünschen, dass sie einen hochkarätigen Beraterkreis konsultiert, bevor ein so gewichtiges Wort wie zu US-Wahlen über YouTube gestreamt wird. Jeder von uns sollte sich irgendwo geistlicher Autorität unterstellen - einem Pastor, der Leiterin von einer Denomination oder einem Netzwerk. Niemand von uns ist unfehlbar, und wir können alle voneinander lernen. Zudem sind die Verantwortlichkeiten dann auch besser verteilt: Die einen prophezeien, die anderen prüfen, und dann reden noch welche über den Umgang des Wortes mit - aber alle zusammen tragen es schließlich. Dafür gibt es ja die unterschiedlichen Geistesgaben. Hierüber wünsche ich mir einen Dialog und praktische Konsequenzen innerhalb der charismatischen Szene. Auch hier in Deutschland sollten wir über diese Themen reden.


Und dann kann immer noch etwas schief gehen. Wie bei so ziemlich allem, sind Demut und Umkehr entscheidend, sprich, sich und anderen seine falsche Vorhersage einzugestehen, daraus zu lernen und weiterzuwachsen. So funktioniert Gnade. Denn lasst uns fair bleiben: Wenn ein Heilungsevangelist für eine kranke Person betet und die Person wird nicht (sofort) geheilt, dann ist uns auch bewusst, dass das sehr unterschiedliche Gründe haben kann und sich niemand für etwas entschuldigen muss. Aber wenn ein Prophet ein falsches Wort gibt, lässt sich das oft schnell schwarz auf weiß prüfen. Das liegt in der Sache der Natur. Lasst uns gnädig miteinander bleiben!


Umso mehr freut es mich zu sehen, dass auch endlich ein paar der amerikanischen prophetischen Stimmen diesen Weg gehen und sich öffentlich entschuldigen, u.a. Kris Vallotton (Bethel Church Redding) und auch Shawn Bolz:






















Nachtrag:

Ein weiterer Aspekt, der mir v.a. in der amerikanischen prophetischen Bewegung (besonders hinsichtlich der Regierung von Trump) fehlt, ist die andere Seite des Prophetischen, wie wir sie bei zahlreichen alttestamentlichen Propheten (zB Jesaja, Amos) und zuletzt auch bei Johannes dem Täufer (zB Mt 3,8) finden: Der Appell zu Gerechtigkeit und rechtschaffenden Taten. Ich verstehe mit Röm 13,1ff., dass wir uns der Obrigkeit unterordnen sollen, konkret für unsere Kanzlerin oder als Amerikaner für den Präsidenten beten - selbst wenn wir nicht ihrer Meinung sind. Das Amt an sich, zumal demokratisch gewählt, ist Grund genug, die Person dahinter zu ehren (das fällt uns Deutschen eher schwer, hab ich den Eindruck).


ABER: Gleichwohl dürfen und sollen wir “den Finger in die Wunde legen“ und Missstände klar benennen, besonders wenn sich jemand als berufener Prophet betrachtet. Auch im Neuen Testament, zB bei Stephanus (vgl. Apg 7,51ff.), finden wir diesen Aspekt der Kritik ja noch. Die Bibel bietet uns in vielen Teilen des Lebensalltags ja klare Maßstäbe, an denen wir uns orientieren sollen. Und das ist es, was mir besonders im Zusammenhang mit prophetischen Worten über Trump fehlt, diese Differenziertheit. Wir leben in Spannungen (zB zwischen Ehre und kritischen Anfragen); aber die gilt es ausgewogen auszuhalten. Nur so werden wir der Komplexität der Welt gerecht.