• Philipp Mertens

Warum Kirche Veränderung braucht, Teil 2: Kultur (Leadership Learnings 101, Lektion 5)

Aber nicht nur theologische Gründe und Einseitigkeiten existieren, wodurch Veränderung von Kirche notwendig ist. Besonders seit den letzten Jahren und Jahrzehnten wissen wir, welche Bedeutung die uns umgebende Kultur spielt, in der wir leben: Einfach formuliert, sprechen wir noch die Sprache der Menschen des 21. Jahrhunderts der westlichen (bzw. deutschen) Welt?


Ich rede noch nicht mal von den Feinheiten zwischen West- und Ostdeutschland, Nord- und Süddeutschland, sondern meine als allererstes unser grundsätzliches Image als Christen und als Kirche. Denn als ich noch kein Christ war, stellte ich mir Christen bzw. regelmäßige Kirchgänger aus Birkenstock (damals völlig old school), no Style, langweilig und uncool vor – halt lebensfern, zumindest meiner Lebenswelt. Und ganz ähnlich sind die Rückmeldungen von den Kirchenfernen, mit denen ich heutzutage zu tun habe (und umso überraschter, dass es auch anders geht).

Zugegebenermaßen kannte ich damals ausschließlich die katholische Kirche und katholischen Religionsunterricht. Doch selbst in Freikirchen ist das nicht immer so ganz anders. Um ein paar Beispiele zu geben:

  • Wenn wir nicht gerade Hillsong, ICF und co. sind, ist Raum- und Gebäudegestaltung für uns nicht gerade oberste Priorität. Doch gerade mit Blick auf die junge Generation, deren stilistische Vergleichspunkte Diskos, Cafés und Shopping Malls sind, sollte uns diese Thematik beschäftigen. Denn Räume kreieren Atmosphäre, und Atmosphäre prägt ungemein das Erleben, ja sogar von Gott selbst. Zu oft erlebe ich falsches dualistisches Denken, in diesem Fall die Trennung zwischen materiell und geistlich, als ob Gott nur an dem Letzteren interessiert wäre. Fakt ist, dass Er Mensch wurde und sich voll in die Gesellschaft der damaligen Zeit integriert hat. Wir müssen auch nur die Augen auf machen um zu erkennen, dass Er die Schöpfung wunderschön gemacht hat. Und bei Seinen Anweisungen für den Bau des Zeltheiligtums unter Mose hat Er nicht gerade gespart (nur zum Vergleich: Die Schöpfungsgeschichte wird in der Bibel in zwei Kapiteln abgehandelt, der Bau des Zeltheiligtums schlägt sich umfassend auf 15 Kapiteln nieder! Vgl. Gen 1-2 mit Ex 25-40). Gott ist verschwenderisch-schön!

  • In Sachen Musik heißt es nicht umsonst “Jeder Christ ein Gitarrist”: Wir wollen ja in keine Leistungsgesellschaft, und so darf sich bei uns jede/r ausprobieren – zum Leidwesen geschulter Gehöre. Und damit meine ich nicht bloß Profimusiker, sondern jeden und jede, die regelmäßig Stöpsel im Ohr hat. Der direkte Vergleich ist einfach gegeben. Vielleicht schadet uns ein wenig mehr Orientierung an musikalischen Maßstäben der Welt gar nicht. Mir geht es nicht um Perfektionismus oder sterilen Highend-Sound aus der Konserve (ich selbst mag sowieso viel lieber Live-Alben). Aber es kann eben nicht jede/r singen oder Gitarre spielen, zumindest nicht ohne ordentliches Training. Handwerk will gelernt sein. Beim Arzt, Richterin oder Pastor verstehen wir das auch. Und je jünger die Teilnehmer unserer Gottesdienste sind, desto wichtiger ist einfach der Part Musik, wie auch die entsprechende Studie von Tobi Faix und Toby Künkler gezeigt hat. Ich bin davon überzeugt, dass wir nichts weniger brauchen als eine Renaissance in unseren Kirchen, wo Kunst einen neuen Stellenwert bekommt, um Gott die Ehre zu geben und wodurch Menschen ganz neu von der Schönheit Gottes fasziniert sind.

  • Schließlich ist da unsere Sprache. Anfang des Jahres hat die Deutsche Bibelgesellschaft mit der BasisBibel noch eine neue – kommunikative – Bibelübersetzung herausgegeben, die den Anspruch hat, Leser von heute zu erreichen. In der Erstauflage des Neuen Testaments existierte sogar die Vorgabe, Sätze auf max. 16 Worte zu begrenzen. Und trotzdem ist auch diese Übersetzung noch voll von Wörtern, die der Otto-Normalverbraucher nicht versteht – nicht, weil sie allesamt falsch übersetzt wären, sondern weil unsere Kirchensprache sich an etlichen Punkten deutlich mehr von der Alltagssprache unterscheidet, als es beispielsweise im Englischen der Fall ist. Man denke an Worte wie “Jünger”, “Hohepriester” oder “Leib Christi”, für die wir zeitgemäße Bezeichnungen bräuchten: Statt “Jünger” zB “Nachfolger” (immer noch traditionell), “Student”, “Mentee” oder sogar “Follower”. Ich sehne mich nach einer neuen Reformation, die die Bibel in die Sprache des 21. Jahrhunderts transportiert. Welche Bibel würde Luther heutzutage wohl lesen und empfehlen? Das heißt aber nicht, dass wir Sprache oder Coolness faken müssen – im Gegenteil. Denn der jungen Generation liegt nichts mehr am Herzen als Authentizität. Manchmal bekomme ich den Eindruck, dass sich Pastoren absichtlich in Lederjacke schmeißen oder mit Jugendslang um sich werfen, nur um aufzufallen. Bei Leo Bigger passt das, weil er das einfach ist. Authentisch meint für mich in diesem Zusammenhang, dass Inneres und Äußeres übereinstimmen. Niemand muss sich verbiegen. Strahl das aus, wer Du bist und sei ehrlich mit Deinen eigenen Fragen – das ist authentisch, und das mag die Welt der Nicht-Christen, denn Fake gibt es schon genügend in der Welt.

Und sind wir mal ehrlich: Die Veränderung von Kultur, und dann noch einer Sprach- und Lebenskultur, ist der schwierigste Change-Prozess, den es gibt. Es geht bis in die tiefsten Tiefen unseres Menschseins hinein (Denken, Fühlen, Handeln).


Kultur ist also keineswegs ein unerheblicher Faktor oder Anhängsel dafür, ob wir unsere Welt mit der bedingungslosen Liebe Gottes erreichen oder nicht. Wir haben es mit einem Mammutprojekt zu tun. Und trotzdem möchte ich Hoffnung dafür machen, dass es unter der Leitung des Heiligen Geistes machbar ist. Was Gott einmal getan hat – durch Luther und co. vor 500 Jahren –, das kann Er wieder tun. Ich freu mich drauf.



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